Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Wieder ist etwas passiert. Wieder starben unschuldige Menschen. Wieder hält die Welt den Atem an. Die Welt wäre schon längst tot, wenn sie bei jeder schrecklichen Meldung den Atem anhielte. Deshalb gehört zu jedem Terrorakt, jedem Amoklauf, jeder Katastrophen auch die Meldung der Relevanz.

Warum wird über Anschläge in Frankreich mehr berichtet, als Anschläge in der Türkei, Syrien oder dem anderen Leid in der gesamten Welt? Mit jeder Meldung kommen die Vorwürfe, warum man das Profilbild in den sozialen Medien nicht in die Farben des getroffenen Landes macht oder die Wahrzeichen der Stadt in Landesfarben taucht, wenn es sich bei Anschlägen „nur“ um Anschläge in der Türkei handelt. Warum partizipiert man mit dem einen Land mehr als mit dem anderen Land? Die Frage kann ich auch nicht beantworten, aber ich möchte an dieser Stelle meine Gedanken festhalten und darauf hinweisen, dass es sich hierbei um meine persönlichen Gedanken handelt und man es auch anders sehen kann.

Wieder ein Anschlag in Frankreich. Diesmal in Nizza, im Süden des Landes. Ein Lkw fuhr in eine Gruppe Menschen, die den Nationalfeiertag von Frankreich gefeierten. Es starben nach aktuellen Angaben 84 Menschen, weiter 50 befinden sich noch in Lebensgefahr und viele andere wurden verletzt.

Die Fernsehsender reagierten mit Sondersendungen, verlängerten Nachrichtensendungen und Brennpunkten. Nachrichtenseiten sind voll mit Artikeln über die Lage und für jede noch so kleine und neue Erkenntnis wird in einem neuen Artikel beschrieben.

Warum diese Größe der Berichterstattung nicht bei einem Bombenanschlag in Syrien? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Ich versuche es mal.

Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York waren die ersten Ereignisse, die medial einen Umfang erlebten, den ich nicht kannte. Über Tage liefen Nachrichtensendungen, einige Sender schalteten ihr Programm ab. Die Medien waren voll und die Welt veränderte sich. Auch die mediale Berichterstattung änderte sich in meinen Augen. Sobald etwas passierte, wurde berichtet, was nicht falsch ist, sondern nötig. Nur die Art der Berichterstattung und des Gezeigten hat sich verändert.

Wenn man über die letzten Anschläge nachdenkt, fallen einem Frankreich (Charlie Hebdo, Paris) und Brüssel ein. Man kann sich genau erinnern, was man gemacht hat oder was dort passiert ist. Es fallen mir aber auch noch andere Anschläge ein, bspw. Ankara. Was war da noch mal. Ich glaube eine Bombe oder war es etwas anderes? Es ist nicht mehr präsent in meinem Kopf.

Charlie Hebdo ist über ein Jahr her und noch immer bewegt es mich. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in der „Nähe“ passieren kann. Ich saß vor dem Fernseher und konnte es nicht glauben, selbst wenn ich unterwegs war, versuchte ich alles mitzubekommen. Ich weiß noch, wie ich einer Vorlesung saß und nicht von Twitter wegkam, weil ich neue Informationen brauchte. Zu Hause angekommen lief der Fernseher mit den immer gleichen Bildern. Die Medien waren voll.

Die sozialen Netzwerke veränderten das Bewusstsein. Diskussionen zum Thema, Mitleidsbekundungen durch Bilder und Worte. Man trauerte zusammen.

Im November letzten Jahres dann wieder Anschläge in Frankreich. Die Medien berichteten und wir trauerten mit.

Anschläge in Boston. Die Medien berichteten und wir trauerten mit.

Anschläge in Ankara. Die Medien berichteten …

… ein bisschen. Die Nachricht darüber, Meldungen in den Nachrichten und ein Brennpunkt am Abend. Vielmehr Sondersendungen gab es nicht und auch in den sozialen Medien war die Aufredung nicht sehr groß. Das Hashtag #prayforankara trendete. Wir fühlten mit, aber wir fühlten anders. Warum?

Heute der Anschlag in Nizza. Die Medien berichten und wir trauern mit.

Woran liegt das?

Ist es die Nähe? Belgien und Frankreich sind mir näher als die Türkei, obwohl ich in keinen der Länder jemals war. Warum wurde dann so viel über die Anschläge in Boston berichtet?

Vielleicht die Mentalität oder der Kulturkreis? Ist es die Tatsache, dass es eine westliche Nation getroffen hat? Ankara ist auch nicht weit, aber ein anderer Kulturkreis und die Nähe zum Krisengebiet des Nahen Osten. Ich weiß es nicht.

Ist es der Gedanke, dies könnte auch in Deutschland passieren, wenn es schon Paris und Brüssel trifft? Nach den Anschlägen in Paris wurde ein Fußballspiel abgesagt, weil ein Teil der Antworten die Bevölkerung verunsichern würde, wie de Maiziere es ausdrückte. Ist die Terrorgefahr in Deutschland höher als wir es denken?

Eine andere Seite der Vorwürfe über die einseitige Berichterstattung ist der Umgang der Personen im Internet. Ein Anschlag und schon wird reflexartig gepostet, dass man traurig über das Geschehen ist. Kurz danach kommen die anprangernden Fingerzeige, warum man so etwas nur schreibe, wenn etwas in Europa passiert und man nicht die täglich sterbenden berücksichtigt oder die hungernden Kinder in Afrika.

Man versucht mir meine Trauer, Wut abzusprechen.

Ich kann meine Gefühlslage selbst nicht beschreiben. Manchmal trifft es mich und manchmal nicht. Warum kann ich nicht erklären. Aber mir diese Gefühle absprechen zu wollen, verstehe ich nicht.

Vielleicht ist es auch nur ein Schutz meines Körpers, der dann jeden Tag in Trauer sein müsste, weil es so viel Leid auf der Welt gibt. Es gibt aber auch so viel Schönes, was das Leid in meinen Gefühlen verdrängt, es ausschließt und nur manchmal kommt die Trauer über Anschläge hinaus.

Es ist auch nicht so, dass ich Bombenanschläge, hungernde Kinder nicht wahrnehme und nicht denke, was ist das für eine Welt, die das zulässt. Es ist aber nur ein kurzes Aufflackern, wenn ich die Meldung sehe oder lese. Das sind Gefühle, die ich nicht steuern kann und auch nicht erklären. Jeder hat seine eigene Bewältigung der Ereignisse (in seinen Gedanken, in Gesprächen und auf den sozialen Kanälen), die niemand Außenstehenden etwas angeht. Hauptsache es hilft den Schmerz zu verarbeiten.